• justinesleng

Aufgeben? Weitermachen? Pause.

Es ist ein neues Jahr, und ich habe ein Projekt weniger auf der Arbeitsliste. “Verschwesterung” fehlt, taucht dort einfach nicht auf; man könnte denken, ich hätte es beendet, endlich, nach neun Jahren.

Aber nein, diese Geschichte wird auch in ihr zehntes und ihr elftes Jahr gehen. Das zehnte ist allerdings ein besonderes: ein Ruhejahr. In dem ich das Projekt nicht anrühren, nicht öffnen, nichts schreiben oder verbessern werde.

Im vergangenen Jahr wollte ich den Roman auf Teufel komm raus fertig schreiben. Erst war Mai als Deadline angesetzt, dann Juni, dann August. Dann gab ich auf, konnte es mir aber nicht eingestehen. Ich hatte so viel Zeit investiert! Das Ende war in Sicht! Aber egal wie viel Mühe ich mir gab, es kam nicht näher. Und irgendwann wollte ich nicht mehr weiter. Schon beim Gedanken an das Projekt verging mir die Lust auf Schreiben komplett.

Ich überlegte, ob es an mangelndem Feedback lag. Ich hatte seit ca. zwei Jahren nicht mehr mit Betaleserinnen zusammen gearbeitet; vielleicht hatte ich einfach nur Angst, totalen Müll zu schreiben?

Also fand ich dank dem Schreibnachtforum drei Betaleserinnen, die direkt einstiegen. Das Feedback war positiv und konstruktiv; an einigen Stellen musste ich noch etwas ändern, aber im großen und ganzen war die Geschichte stimmig. Trotzdem fühlte ich mich nach einigen Kapiteln nicht mehr wohl. Nichts und niemand konnte mich dazu bringen, weiter als Kapitel 6 zu schreiben.

Ja, verdammt! Was also tun? Aufhören? Irgendwo in mir wusste ich bereits, dass ich eine Pause brauchte. Faktisch hatte die auch schon begonnen - schließlich drückte ich mich seit Wochen vor dem Schreiben. Es begann also ein starkes hin und her: ich hatte gerade eine Zusammenarbeit mit neuen Betaleserinnen begonnen, sollte ich denen wirklich direkt wieder absagen? Und überhaupt: wenn ich das Projekt pausieren würde, bliebe es bei einer Pause? Würde ich nach einer gewissen Zeit wirklich wieder anfangen? Kurz: wenn ich “Verschwesterung” 2021 nicht beenden würde, würde ich es jemals zu Ende schreiben?

Nach zwei, drei Gesprächen mit Freund*innen entschloss ich mich dazu, die Geschichte von jetzt auf gleich für ein Jahr ruhen zu lassen. Es dauerte noch eine Woche, bis ich meinen Betaleserinnen - etwas zerknirscht - von meiner Entscheidung berichtete und mich für die Zusammenarbeit bedankte. Sie waren sehr verständnisvoll - rieten mir aber auch, den Perfektionismus runterzuschrauben.

Damit stand die Pause also fest - und dann kamen mir viele, viele neue Ideen. Ideen für eine Umstrukturierung, Ideen für ein Plotloch, das dringend gestopft werden musste, Ideen für die Mutter-Tochter-Beziehung meiner Protagonistin. Und mit den Ideen kam der Drang, weiterzumachen. Offensichtlich brauchte ich keine Pause! Nur mit sehr viel Mühe und Disziplin konnte ich mich davon abhalten, meinen Vorsatz direkt wieder zu brechen. Hätte ich doch wieder mit dem Schreiben angefangen, hätte ich vermutlich zwei Wochen später wieder am gleichen Punkt gestanden.

Die neuen Ideen sind nicht verloren; über das Jahr notiere ich mir alles, was aufploppt. Ich setze es bloß nicht direkt in die Geschichte um. Dafür habe ich endlich mehr Zeit für andere Projekte. “Verschwesterung” war fast durchgehend mein Hauptprojekt und dominierte erbarmungslos im Zeitverbrauch. Für andere Projekte - oder gar Experimente - war da kaum Platz. Es gibt etwas, das als “Shiny New Idea-Syndrome” bezeichnet wird. Dieser Begriff beschreibt das Phänomen, dass man, wenn man sich schon etwas länger mit einem Projekt befasst, tausend tolle Ideen für neue Projekte bekommt. Und dann im Zweifelsfall etwas neues beginnt, weil das alte schon “verbraucht” und “langweilig” wirkt.

Das Gegenteil ist bei mir das Problem. Ich verbeiße mich in einem Projekt und lasse es nicht mehr los. Keine andere Idee ist shiny genug, dass ich wenigstens ein bisschen loslassen könnte.

Also zwinge ich mich jetzt dazu. Die beiden anderen Romanideen, mit denen ich jetzt meine Zeit fülle, sind vielleicht gar nicht so gut. Vielleicht werden daraus aber auch 1a Bücher. Das wichtigste ist, dass ich mir jetzt die Zeit nehme, mich auf sie einzulassen. Im November werde ich dann einen Blick auf all die Notizen werfen, die “Verschwesterung” besser machen sollen, meine Ärmel hochkrempeln - und schauen, ob der gewonnene Abstand reicht, um die nötigen Veränderungen durchzusetzen. Und wenn nicht: auch nach zwölf Jahren lässt ein Buch sich noch fertig schreiben.

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