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Buchmesse 2021


Überlegungen zum Boykott

Die Entscheidung, zur Buchmesse zu gehen, fiel mir und vielen anderen dieses Jahr schwer. Es war zum einen die absolute Ignoranz gegenüber den Sicherheitsbedenken von Jasmina Kuhnke, als auch die fadenscheinige Stellungnahme der Buchmesse, die zu Gewissenskonflikten führten. Rechtspopulisten eine Ausstellungsfläche auf einer weit bekannten, internationalen Fachmesse der Literaturszene zu bieten, hat mit Meinungsfreiheit nichts zu tun. Ich habe absolutes Verständnis gegenüber den Autor*innen, welche entschieden, nicht teilzunehmen und bin nach wie vor schockiert, dass es so weit gekommen ist. Denn so litten weder die Buchmesse, noch der erwähnte Rechte Verlag, sondern die Autor*innen, deren berechtigte Sorgen überhört wurden. Nachdem zum Boykott aufgerufen wurde, überlegte ich einige Male hin und her, ob ich einfach nicht hingehen sollte. Ich entschied mich letzten Endes dagegen. Denn ich hatte das Gefühl, der Buchmesse mit meinem Nicht-Erscheinen nicht weh tun zu können. Mein Ticket war schließlich bezahlt. Außerdem dachte ich an die Kleinverlage, für die ein Wegfall eines großen Publikumanteils desaströs wäre. Also fuhr ich am Samstag nach Frankfurt. Mit flauem Gefühl im Magen.



Programmstreichungen statt Rückgrat

Die Buchmesse hat dieses Jahr sehr offensiv ihre App beworben, die ich im Vorfeld genutzt hatte, um mir Veranstaltungen rauszupicken. Die erste Veranstaltung in meinem Zeitplan war ein Interview mit Aminata Touré. Ich ging an den Stand, zu dem die App mich lotste, um festzustellen, dass es dort lediglich eine Übertragung via Bildschirm gab. Durch den umgebenden Messelärm war es mir jedoch nicht möglich, viel zu verstehen, weshalb ich bald enttäuscht weiterzog. Insgesamt hatte ich mir wenige Vorträge ausgesucht, da mir das Angebot für angehende Autor*innen sehr mager erschien. Daher hatte ich viel Zeit zu bummeln und mich mit Aussteller*innen zu unterhalten. An einem Kunst-Stand wurde mir erzählt, dass der Kunstbereich immer weiter zusammen gestrichen würde, man das latente Gefühl hätte, die Buchmesse wolle einen loswerden. Und ich konnte dieses Gefühl gut verstehen – die Buchmesse kam mir kleiner, weniger divers vor als noch vor ein paar Jahren. Der Manga- und Cosplay-Bereich, der für viele Besucher*innen das Herz der Messe dargestellt hatte, war verschwunden. Diese offensiven Programmstreichungen machen es mir noch unverständlicher, warum ausgerechnet Rechten eine Ausstellungsfläche zur Verfügung gestellt wurde.

Im Laufe meines Messebesuches wurde ich zunehmend missmutiger. Ich hatte zwar zwei, drei coole Initiativen kennengelernt und mit den dazugehörigen Menschen gequatscht, aber ich hatte mehr erwartet. Der letzte Vortrag, zu dem wir gingen, enttäuschte durch seine Inhaltslosigkeit. Außerdem war ich in der Buchmesse-App auf den Vortrag eines Klimaskeptikers gestoßen. Die Prioritäten der Programmplaner*innen sind mir absolut schleierhaft.

Mit schlechter Laune und dem dringenden Wunsch, einfach heimzugehen, schleppte ich mich schließlich in den Pavillon des Ehrengastes: Kanada. Und obwohl ihre Licht- und Musikinstallationen nicht gut machen konnten, was die Buchmesse dieses Jahr alles verbrochen hat, war meine Laune etwas gehoben. In einem abgedunkelten Raum wurden die Elemente der Erde anhand von Lichtinstallationen dargestellt und auf Infotafeln mit dem Prozess des Schreibens verknüpft. Man lief zwischen Bergen hindurch und anschließend über zwei Flüsse, deren Strömungen Buchstaben führten. Hinterlegt wurde alldies von beruhigender Musik, die mich kurz den Trubel der restlichen Messehallen vergessen ließ.

Aber auch der Kanada-Pavillon führte zu Grummelei, was nicht am Ehrengast, sondern wieder an der Messe-Organisation lag: am Eingang hing das Vortragsprogramm aus und ich schätze, dass ich 70% der Vorträge gerne gehört hätte. Hätte ich von ihnen gewusst. Im allgemeinen Programm, das die App anzeigte, wurden die kanadischen Veranstaltungen nämlich nicht aufgeführt.


Bis zum nächsten Mal?

Aus mir nicht erschließbaren Gründen hatte ich angenommen, dass die Buchmesse trotz des vorangegangenen Skandals noch gut werden könnte. Aber was erwarte ich von einem Laden, der sich so wenig – nämlich gar nicht – um die Sicherheitsbedürfnisse seiner Gäste schert? Der Klimaskeptikern und Rechtspopulisten eine Bühne bietet, während andere Bereiche komplett zusammengestrichen werden? Dem es egal ist, dass Autor*innen aus marginalisierten Gruppen der Gesellschaft sich nicht wohl genug fühlen, um aufzutreten?

Dass ich dieses Jahr wahnsinnig unzufrieden war, liegt zu maximal 30% an der furchtbar unübersichtlichen App, die einem die Hälfte der Veranstaltungen nicht anzeigt. Da wäre mir ein altmodisches Programmheft lieber gewesen. Aber so sehr ich davon enttäuscht war, das ist nicht der Punkt. Die Organisation der Buchmesse hat sich bewusst dafür entschieden, Rechten, demokratiefeindlichen Menschen eine Bühne zu geben und war dreist genug, uns das als Meinungsfreiheit, als demokratische und kulturelle Vielfalt verkaufen zu wollen. Es gibt keinerlei Einsicht, keine Entschuldigung gegenüber jenen, die sich gezwungen sahen, abzusagen und dadurch finanzielle Verluste zu machen. Damit hat die Buchmesse klargestellt, dass es keine internen Konsequenzen und folglich keine Veränderungen geben wird.

Ich bin sehr unsicher, ob ich nächstes Jahr wieder nach Frankfurt fahren werde. Nach allem, was ich gesehen und gehört habe, glaube ich es allerdings nicht. In meiner Vorstellung ist Literatur dazu da, ungehörte Stimmen zu repräsentieren, neue Perspektiven zu eröffnen und zum Dialog einzuladen. Dieser Gedanke steht in scharfem Kontrast zu der Message, die die Buchmesse dieses Jahr gesendet hat.


Und damit die Laune nicht so schnell wieder steigt, verabschiede ich mich mit diesem Foto vom Stand der afghanischen Literatur. Ich schätze, es spricht für sich selbst.






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