• justinesleng

Dürfen Schriftsteller*innen das?

Man muss nur einen Schreibratgeber öffnen, in einem Schriftsteller*innenforum herumschnuppern oder Interviews auf einer Buchmesse mitverfolgen. Wenn es um Tipps für angehende Schriftsteller*innen geht, fällt früher oder später der ultimative goldene Ratschlag/ das Nonplusultra der Schreibweisheiten: schreibe jeden Tag.

Schreibe jeden Tag, um nicht aus dem Trott zu fallen. Schreibe jeden Tag, sonst wirst du nie professionell sein. Schreibe jeden Tag, um deinen Schreibmuskel zu trainieren.

„Show up, show up, show up, and after a while, the muse will show up, too.“ sagte Isabel Allende über das Schreiben. Stephen King ist bekannt dafür, jeden Tag zu schreiben, ob er Lust hat, oder nicht. Das ist diese berühmte Selbstdisziplin, nach der sich alle sehnen, die aber weit weniger von uns erreichen, als wir gerne zugeben würden.

Und spätestens dann, wenn man sich entscheidet, mit dem Schreiben professioneller zu werden, wird man erinnert: wer nicht jeden Tag schreibt, verliert.


Also gut, habe ich mir die letzten Jahre gedacht, denn mal hinne. Jeden Tag. Egal wie viel. Und wenn es nur fünf Wörter sind. Hauptsache, ich bleibe im flow. Hauptsache, ich kann mich weiterhin als Schriftstellerin bezeichnen.

Spoiler-Alert: es hat nicht geklappt. Maximal zwei Wochen, dann kam doch wieder ein Tag, wo gar nichts ging. Auch keine fünf Wörter. An manchen Tagen dachte ich nicht mal ans Schreiben. Weder in der Schlange an der Supermarktkasse, noch im Wartezimmer beim Zahnarzt. Dabei soll man doch, wenn man schon nicht schreiben kann, wenigstens darüber nachdenken, was als nächstes kommt, richtig (Nr. 2 der goldenen Regeln des professionellen Schreibens)? Im Zug tippte ich nicht auf meinem Handy oder schrieb auf meinem Collegeblock, sondern lehnte musikhörend am Fenster. Und hatte Schuldgefühle. Weil ich ja eine halbe Stunde Schreibzeit gehabt hätte. Und einfach keine Kraft, sie zu nutzen.


Ich verstehe die Intention des Ratschlags. Man fühlt sich nicht jeden Tag bemüßigt, zu schreiben. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass man sich an den meisten Tagen eher vorm Schreiben drückt, wenn es geht. Und dann hat es etwas Befreiendes, zu sagen: ich schreibe jetzt. Ob die Muse da ist oder nicht. Mal gucken, was passiert.

Und manchmal läuft es, und manchmal sitzt man nach zehn Minuten da und muss einsehen, dass das alles Dreck ist, was man fabriziert. Aber man hat das erleichternde Gefühl, geschrieben zu haben.


Aber dieses „jeden Tag“, das die Weisheit betont, dieses Absolute, das schreckt mich ab. Ein Zwang mehr, an den sich all die Perfektionist*innen unter uns hängen und an dem sie verzweifeln können.


Die wenigsten Schriftsteller*innen schreiben hauptberuflich. Wir gehen zur Schule, in die Uni, auf die Arbeit, haben Kinder oder ältere Verwandte, um die wir uns kümmern müssen. Wir wollen Freund*innen treffen oder auch einfach mal eine Stunde auf dem Boden liegen und Musik hören. Auch letzteres ist absolut legitim. Das ist nicht „der innere Schweinehund“, der bekämpft werden muss. Jeder muss mal Pausen machen und regenerieren, und viel zu viele Leute denken, dass sie diese Pausen auch diszipliniert angehen müssen. Dass Laufen für sie doch erholend sein sollte, wenn es das ganz einfach nicht ist. Dass bestimmte Menschen ihnen Kraft geben sollten, wenn sie sich alleine doch eigentlich viel wohler fühlen.


Ich jongliere momentan drei Jobs, mein (hoffentlich) vorletztes Uni-Semester im Bachelor und ein Sozialleben, das nach langer Pandemiezeit endlich zaghaft aufblüht. Und wenn ich dann am Abend erledigt nachhause komme, ist Schreiben meistens das Letzte, woran ich denke. Dann will ich „Jane the Virgin“ gucken oder mit meiner Mitbewohnerin Karten spielen. Oder, wie erwähnt, auf dem Boden liegen, die Decke anstarren und Musik hören.

Natürlich haben auch die, die mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen, auch noch ein Leben, in dem unvorhergesehene Dinge passieren können. Auch sie haben Haushalte, Familien, Freund*innen und gegebenenfalls einen Netflix-Account.


Meine Schuldgefühle bin nicht los – dafür bin ich zu perfektionistisch veranlagt. Nach spätestens zwei Tagen ohne Schreiben werde ich nervös und schimpfe mich selbst aus. Aber ich akzeptiere es, statt mich selbst zu geißeln. Mein Leben kommt zuerst. Denn das ist die Schreibweisheit, die ich gerne weitergeben möchte: wer nichts erlebt, hat nichts zu schreiben. Wer sich dem Leben entzieht, wird irgendwann nichts mehr zu erzählen haben. Und das wäre wirklich unprofessionell.




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