• justinesleng

Der Mythos vom einsamen Schreiberling

Dass ich schreiben will, wusste ich schon mit fünf. Ich liebte Bücher, ich brachte mir das Schreiben bei (wenn auch relativ fehlerhaft) und begann, mir Geschichten auszudenken. Das zog sich durch meine gesamte Kindheit; mit elf Jahren probierte ich mich mehrere Male - erfolglos - an Romanen. Meine mangelnden Zeichenkünste hielten mich nicht davon ab, im Unterricht Comics zu zeichnen, und die ganze Zeit war eins ganz klar: ich will Autorin werden. So richtig mit Vertrag und Büchern, die im Buchladen stehen und mit Interviews auf Buchmessen.

Ich stellte mir also meine Zukunft als Schriftstellerin vor, aber auf eine Art, die wohl noch vielen vorschwebt, wenn sie ans Schreiben denken: in einem kleinen Raum über einen Schreibtisch gebeugt, abgekapselt von der Außenwelt, bis das nächste Werk fertig ist.

Als ich fünfzehn war, bekam dieses Bild vom Schriftstellertum einen gehörigen Riss. Denn ich nahm zum ersten Mal am NaNoWriMo teil. Noch nie vom NaNoWriMo gehört?

NaNoWriMo steht für National Novel Writing Month. Er findet jedes Jahr im November statt und die Herausforderung ist es, in diesem Monat 50.000 Wörter zu schreiben. Wer gerne schreibt, weiß, dies ist sehr viel.


Aber zurück zu meinem Bild vom einsamen Schreiben - was hat der NaNoWriMo daran geändert? Nun, zum einen war die Anmeldung zum NaNoWriMo meine erste Erfahrung mit einem Schreibforum. Viele tausend Menschen aus der ganzen Welt, die das gleiche Hobby hatten wie ich! Das war aufregend, aber es nahm mir auch das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Ich war es gewohnt, ein exotisches Hobby zu haben, eins, für das Erwachsene mir anerkennend auf die Schulter klopften und meine Klassenkamerad*innen neugierig werden ließ.


Aber auf einmal war ich keine Besonderheit mehr. Sondern eine von vielen tausend.

Das war die Kehrseite, und ich war mit fünfzehn auch weit neurotischer als ich es jetzt bin. Nach einigem Hin und Her (und gutem Zureden seitens meines Vaters) entschied ich mich jedoch, zum NaNoWriMo-Treffen in meiner Stadt zu gehen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie so ein Schreibtreffen ablaufen könnte. Und, um ganz ehrlich zu sein: ich hatte große Angst vor den anderen Menschen dort. Dass sie weiter sein könnten, oder gar besser! Kurz: ich hatte Angst, dass meine Blase platzen und ich feststellen könnte, dass ich es nicht drauf habe.

Klar, sobald man mit anderen Menschen in Kontakt kommt, die das gleiche machen wie du, kann man sich vergleichen. Damals sah ich das als etwas negatives, wenn jemand weiter war als ich. Inzwischen weiß ich, dass es mich weiterbringt: ich habe Notizbücher voll mit Tipps von Leuten, die auf ihrer Schreibreise schon weiter sind.

Aber lasst mich von meinem ersten NaNoWriMo-Treffen erzählen. Ich kam da hin, die Jüngste von allen, komplett unsicher und mit den Worten meines Vaters (“Wenn es total furchtbar wird, kannst du ja immer noch gehen”) im Hinterkopf. Spoiler: es wurde nicht total furchtbar. Ich blieb bis zum Ende.

Wir waren zu viert oder zu fünft. Jemand hatte Glühwein mitgebracht, eine andere eine Mehrfachsteckdose für die vielen Laptops und die anderen breiteten eine Menge Süßigkeiten am Tisch aus. Ich stellte sehr schnell fest, dass es bei Schreibtreffen zu ungefähr 40% der Zeit tatsächlich ums Schreiben geht, den Rest der Zeit wird gemeinsam prokrastiniert - oft mit Katzenvideos. Wir machten mehrere Wordwars, ein Konzept, das mir vorher (aus Ermangelung an Schreibfreund*innen) unbekannt war, aber großen Spaß bereitete.

Obwohl ich seither mehrfach umgezogen bin, bin ich seit inzwischen acht Jahren Teil dieser Schreibgruppe und komme auch - wenn nicht gerade eine Pandemie über’s Land rollt - mindestens einmal im Jahr zu Besuch.

Fazit: Schreibgruppen beißen nicht! Natürlich kann es passieren, dass man mit einer Gruppe nicht ganz so gut klar kommt. Das war bei mir in Hamburg der Fall, und als das Gefühl nach dem zweiten Treffen blieb, ging ich einfach nicht mehr hin.

Nachdem ich festgestellt hatte, dass andere Schriftsteller*innen nicht nur aushaltbar waren, sondern mir teilweise sogar weiter halfen, traute ich mich sogar in ein Schreibforum. Damals war es noch die Schreibwerkstatt, die inzwischen allerdings nicht mehr existiert. Stattdessen bin ich jetzt im Schreibnacht-Forum unterwegs, um mich mit anderen Schreibenden auszutauschen.

Wenn ich im Plot festhänge, kann ich fragen. Wenn ich unsicher bin, ob mein Geschriebenes gut ist, kriege ich Feedback. Wenn ich keine Lust zum Schreiben habe, werde ich motiviert. Es gibt hunderte Gründe, einem Schreibforum beizutreten, aber darüber schreibe ich vielleicht ein andermal.

Ja, wenn man sich mit anderen Schriftsteller*innen zusammentut, kommt man sich nicht mehr ganz so besonders vor. Und ich bin sicher, dass dieser Reality Check den meisten gut tut. Wenn sie nicht mehr nur in der eigenen Brühe kochen und immer überzeugter werden, das einzig wahre Buch zu schreiben. Natürlich kann man den anderen zuhören und denken “Ach, die haben doch eh keine Ahnung. Ich weiß das doch schon alles. Was für Stümper.” Aber glaubt mir, in 98% der Fällen wisst ihr es NICHT besser, egal, was ihr euch einbildet. Feedback macht eure Geschichte zu der, die andere gerne lesen möchten. Durch den Austausch mit anderen könnt ihr das nötige Zeug lernen, um euch als Autor*in weiterzuentwickeln.

Ich persönlich kann mir das Schreiben ohne Community gar nicht mehr vorstellen. Und kein Jahr ohne den NaNoWriMo - dieses Jahr gehe ich in die achte Runde.

Aber mehr dazu ein andermal!


17 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Isoliert

Ja moin.