• justinesleng

Isoliert

Ich sollte die Zeit meines Lebens haben.


Dieser Gedanke hängt mein gesamtes Bachelorstudium über mir. Du solltest feiern, nicht weinen. Jemanden kennenlernen, nicht mit Depressionen im Bett liegen. Das Leben genießen, statt dir Sorgen um Geld zu machen.

Jetzt ist mein Bachelorstudium fast vorbei. Und ich bin in Schweden.

Ich sollte die Zeit meines Lebens haben.


Hej. Jag talar inte Svenska.


Ich hatte keine Zeit, Schwedisch zu lernen. Keine Zeit, weil ich neun Prüfungsleistungen in einem Semester erbringen musste, um die Regelstudienzeit einzuhalten. Keine Zeit, weil ich einen Umzug ins Ausland vorbereitet habe. Keine Zeit, weil alles so schnell ging, von der Entscheidung bis zur Umsetzung, weil so viel zu tun war, weil ich nicht die Minute hatte, um Duolingo aufzumachen und mich von einer grünen Eule knechten zu lassen.


Jetzt bin ich in einem fremden Land. Es ist sehr schön hier in der Vorstadt. Wundervoll leise. Quälend leise. So schön zurückgezogen. Und bedrückend einsam.

Ich rede viel mit den Nachbarn, auf Englisch. Sie haben zwei kleine Töchter, die mich kurz beobachten, sobald ich aus dem Haus komme, um dann weiter auf Bäumen zu klettern oder auf ihrem neuen Riesentrampolin zu springen. Die Ältere hat schon erkannt, dass ich ihre Sprache nicht spreche. “Hello” ruft sie dann immer, und ich grüße mit “hello” zurück.


Vor einigen Tagen hat die Familie einen Welpen mit nach hause gebracht. Ich liebe Hunde. Es waren nur die Mädchen draußen, mit einer Freundin - und dem besagten Hund.

”Hello!”

“Hello. Did you get a dog?” Verwirrte Blicke zwischen den Kindern. Die ältere ist gerade erst zehn. Ich weiß gar nicht, wann man hier anfängt, in der Schule Englisch zu lernen.

“Is this your dog?” Zögerliches Nicken.

“What is its name?” Wieder unsichere Blicke zwischen den Mädchen. Die Freundin flüstert der Älteren etwas ins Ohr, die nickt verständnisvoll.

“Ophelia.”

”That is nice!” Und dann gehe ich rein. Frustriert, weil ich mich nicht verständigen kann. Der Vorort ist voller Kinder, mit denen ich nicht im Vorbeigehen scherzen kann, wenn sie mit ihren Laufrädern durch die Straßen düsen. Ich weiß, wie ich einen Kaffee mit Hafermilch bestelle, und noch so random Dinge wie “Ja, nein, danke, tschüss, Ingwer, Schildkröte, fünf, ich liebe dich.” Wäre ich in Deutschland, würde ich die Leute anpöbeln, die mir auf dem Radweg auf der falschen Seite entgegenkommen und nicht mal nach vorne schauen. Hier halte ich den Mund. Im Bus kann ich nicht mehr zuhören, wenn sich Teeniemädchen neben mir über etwas echauffieren - was normalerweise ein Quell großen Amüsements für mich ist.

Natürlich komme ich hier mit Englisch gut durch. Die Erwachsenen sprechen es meist fließend, und jeder ist verständnisvoll, wenn ich auf schwedische Ansprache nur mit großen Augen reagiere. Das reicht für den Anfang, dachte ich.


Aber mich ärgert es, dass diese ganzen kleinen Interaktionen wegfallen. Wenn einem Kind im Bus etwas hinunterfällt, hebe ich es zwar auf und gebe es zurück. Aber ein paar tröstende Worte? Habe ich nicht parat. Meine Arbeitserlaubnis wurde vorläufig abgelehnt; ich hatte gehofft, mit einem Job schneller ins Sprechen rein zu kommen.


Und es ist frustrierend. Natürlich habe ich jetzt begonnen, neben Kisten auspacken und Bachelorthesis ein paar Minuten am Tag Schwedisch zu lernen. Oder versuche es jedenfalls. Aber ich merke jeden Tag, wie schwer es ist, Fuß zu fassen in einem Land, in dem man noch keinen Platz hat - und in dem ich der Kassiererin nach dem Bezahlen nicht mal einen schönen Tag wünschen kann.

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Ja moin.