• justinesleng

Välkommen till Sverige!

Nachdem meine Stimmung beim Verfassen des letzten Posts im Keller hing, kann ich verkünden, dass ich mich inzwischen wohler in dieser neuen Umgebung fühle. Schwedisch spreche ich noch nicht, aber ich habe angefangen, es zu lernen. Der Hauptgrund für mein Wohlbefinden ist aber ein ganz anderer: ich habe eine Schreibgruppe gefunden!


Ich hatte ziemlich schnell die Schnauze voll von den Einsamkeitsgefühlen und habe mich gefragt: wie komme ich an neue Leute? Die cool sind? Die Antwort lag schnell auf der Hand: ich brauche andere Schriftsteller*innen. In Uppsala gibt es keine Schreibgruppe (traurige Justine-Geräusche), aber Stockholm ist nicht weit entfernt. Und wenn es in der Hauptstadt keine Schreibgruppe gibt, wo dann?

Die Stockholmer Schreibgruppe trifft sich wöchentlich, was bedeutet, dass ich wenigstens einmal in der Woche etwas in meinem Kalender stehen habe. Etwas, das ich nur für mich mache. Mit Leuten, die sich genauso in Worldbuilding verlieren können wie ich. Deren Charaktere sich nicht benehmen. Die seit Jahren an ein und demselben Projekt schreiben.


Nach mehreren Wochen alleine zuhause sitzen und nicht wissen, wohin mit mir, ist diese Schreibgruppe eine riesige Erleichterung. Aber das ist nicht die einzige soziale Verbindung, die ich über Bücher aufgebaut habe. Inzwischen bin ich in einem Book Club und habe einen weiteren Jane Austen Fan kennengelernt - Filmabende, in denen der Hand Flex aus Pride & Prejudice (2005) diskutiert wird, sind in Planung.


Bücher sind hier zwar nicht teurer als in Deutschland, aber trotzdem kann ich mir nicht allzu viele davon leisten. Ich habe mir in den letzten acht Monaten mehr Bücher gekauft als in den acht Jahren davor. Daher habe ich mir heute eine Library Card gemacht - die in Uppsala kostenlos ist. Gleichzeitig ist die Bibliothek für viele Einwohner*innen eine wichtige Anlaufstelle: man bekommt dort kostenlose Rechtsberatung für alle möglichen Angelegenheiten. So können auch Personen, die nicht über ausreichend Geld verfügen, Unterstützung finden. Man denke beispielsweise an Menschen in prekären Situationen wie Frauen, die ihre gewalttätigen Männer verlassen wollen.


Wo wir schon bei Geld sind: auch eine Finanz- und Schuldnerberatung gibt es dort kostenlos. Die Bibliothek und die Kommune sind eng miteinander verknüpft, und machen die Bücherei zur Anlaufstelle für jeden. Es gibt Bücher in über 80 Sprachen, Kindervorlesestunden in einigen Sprachen, Sprachlerngruppen, eine große Auswahl an Büchern in leichter Sprache, Stipendien für Jugendliche Schreibende, und, und, und…


Ich hätte nicht gedacht, dass Bücher mir in dieser Weise einen Einstieg in das Leben hier ermöglichen könnten. Durch Zufall habe ich heute diese Rechtsberatung in der Bibliothek gesehen, als ich meine Karte beantragt habe. Dreieinhalb Stunden später saß ich bei einer Anwältin, die mich bezüglich meiner Personnummer (= Zugang zu Krankenkasse, Bankwesen, Jobmöglichkeiten, …) berät, nachdem das Finanzamt meinen ersten Antrag abgelehnt hat.


Man sieht: ich bin integrationswillig. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss “Stolthet och fördom” (Stolz & Vorurteil) in leichter Sprache lesen.




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